Edgar Germain Hilaire Degas; 1834-1917

Die Geschichte des romantischen Balletts beginnt mit der Uraufführung des Stückes La Sylphide 1832 in Paris. Marie Taglioni tanzte die Rolle der Sylphide, einem übernatürlichen Wesen, das von einem Sterblichen geliebt und zerstört wird. Die Choreographie machte ihr Vater Filippo Taglioni; er ließ seine Tochter überwiegend auf den Spitzen tanzen, um ihre überirdische Leichtigkeit und Körperlosigkeit darzustellen. La Sylphide brachte viele Änderungen ins Ballett sowohl in der Thematik als auch im Stil, in der Technik und in den Kostümen. Wenige Jahre später wurde in Giselle (1841) ebenfalls der Gegensatz zwischen menschlicher und übernatürlicher Sphäre thematisiert.

Das romantische Ballett beschränkte seine Thematik jedoch nicht auf übernatürliche Wesen. Die österreichische Tänzerin Fanny Elßler verhalf bodenständigeren und sinnlichen Charakteren zu Bekanntheit. Ihr berühmtester Tanz war die Cachucha in Le Diable Boiteux (1836, Der hinkende Teufel), ein andalusischer Solotanz mit Kastagnetten.
Frauen dominierten im romantischen Ballett. Obwohl auch eine Reihe guter Tänzer wie Jules Perrot und Arthur Saint - Léon auftraten, wurden sie von den Ballerinen Marie Taglioni, Fanny Elßler, Carlotta Grisi, Fanny Cerrito und vielen anderen in den Schatten gestellt.

Taglioni und Elßler tanzten in Rußland, Perrot und Saint - Léon kreierten dort Ballette. Elßler tanzte auch in den USA, in Paris jedoch war die große Zeit des Balletts fürs erste vorbei. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden hier nur wenige bedeutende Ballette. Eine der Ausnahmen war Coppélia, 1870 von Saint - Léon choreographiert; hier wurde im Gegensatz zur alten Tradition sogar die männliche Hauptrolle von einer Frau getanzt.

In Rußland hingegen erlebte das Ballett am Ende des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Marius Petipa wurde Choreograph des Kaiserlichen Russischen Balletts. Er vervollkommnete das abendfüllende Handlungsballett, das Tanzszenen und pantomimische Szenen aneinanderfügte. Seine bekanntesten Werke sind Dornröschen (1890) und Schwanensee (gemeinsam mit dem Russen Lew Iwanow choreographiert), beide zu Musik von Peter Iljitsch Tschaikowsky.


Elaine Mayerhofer als Carmen

Die große Zeit des russischen Balletts hängt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eng mit zwei Namen zusammen: Marius Petipa und Michail Fokin. Auf der Basis von Petipas Choreographiemethoden veränderte Fokin das Ballett hinsichtlich Choreographie, Bühnenbild und Kostüme. Er verwirklichte seine Ideen mit den Ballets Russes, einem neuen Ensemble, das der russische Impresario Serge Diaghilew zusammengestellt hatte.

1909 debütierten die Ballets Russes in Paris und hatten sensationellen Erfolg. Die Tänzer, allen voran Waslaw Nijinski, wurden stürmisch gefeiert. Das Ensemble hatte ein breitgefächertes Repertoire, unter anderem Fokins Der Feuervogel (1910), Scheherazade (1910) und Petruschka (1911). Die Ballets Russes wurden zum Synonym für Innovation und Unterhaltung, ein Ruf, den sie in den zwanzig Jahren ihres Bestehens aufrechterhalten konnten.

Diaghilew arbeitete von Anfang an mit bedeutenden Künstlern im In- und Ausland zusammen, z. B. mit den russischen Bühnenbildnern Léon Bakst und Alexandre Benois und dem Komponisten Igor Strawinsky, aber auch mit Pablo Picasso und Maurice Ravel. Diaghilews Choreographen Michail Fokin, Branislava Nijinska, Waslaw Nijinski, Léonide Massine, George Balanchine und Serge Lifar experimentierten mit neuen Themen und Bewegungsstilen.

Die Erfolge der Ballets Russes belebten das Ballett weltweit. Die russische Ballerina Anna Pawlowa verließ das Ensemble und gründete eine eigene Ballett - Truppe und gab internationale Gastspiele. Fokin arbeitete mit vielen Tanzkompanien, u. a. dem späteren American Ballet Theatre. Massine half bei der Gründung des Ballet Russe de Monte Carlo mit, das nach Diaghilews Tod entstand. Zwei ehemalige Mitglieder der Ballets Russes, die Tänzerinnen Dame Marie Rambert und Dame Ninette de Valois, waren die Begründer des britischen Balletts. Ramberts Schüler waren u. a. Sir Frederick Ashton, Antony Tudor und John Cranko.

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand in den USA und in Deutschland der Modern Dance. Martha Graham, Doris Humphrey, Mary Wigman und andere kehrten dem traditionellen Ballett den Rücken und schufen eigene, weniger künstliche, expressive Bewegungsarten und Choreographien, die sich mehr auf das tatsächliche menschliche Leben bezogen. Auch thematisch spiegelte sich diese Hinwendung zum Realismus wider. 1932 kreierte der deutsche Choreograph Kurt Jooss das Antikriegsballett Der Grüne Tisch. Antony Tudor entwickelte das psychologische Ballett, das das Innenleben der Charaktere in den Mittelpunkt stellte. Auch Gesellschaftstänze und Jazz Dance fanden jetzt Eingang in das Ballett. 1944 schuf der amerikanische Choreograph Jerome Robbins mit Fancy Free ein Werk, das Modern Dance, Jazz Dance, Show und Gesellschaftstänze miteinander verband.

In den vierziger Jahren entstanden in New York zwei große amerikanische Ballettensembles, das American Ballet Theatre und das New York City Ballet.
1956 traten zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg russische Ensembles (wie das Bolschoi- und das Kirow - Ballett) im Westen auf. Mit diesen Ensembles wurden auch Tänzer wie Rudolf Nurejew, Natalia Makarowa und Michail Barischnikow weltberühmt.
Das Repertoire des heutigen Balletts bietet eine große stilistische Vielfalt. Choreographen experimentieren mit neuen und mit traditionellen Formen und Stilrichtungen, und die Tänzer versuchen ständig, ihr technisches und dramatisches Können zu erweitern. Neben dem Modern Dance entwickelte sich Mitte der siebziger Jahre der Free Dance, ausgehend von dem amerikanischen Tänzer und Choreographen Merce Cunningham. Diese Richtung fand in Europa großes Interesse. Hier sind die wichtigsten Vertreter das Nederlands Dans Theater und das Tanztheater Wuppertal mit Pina Bausch.